Die Schule
Was Daseinsanalyse ist
Eine Psychotherapie, die in der Methode phänomenologisch-hermeneutisch und in der Ausrichtung ontologisch-anthropologisch ist. Sie achtet das Phänomen als das, was sich von ihm selbst her zeigt.
- Martin Heidegger Sein und Zeit · 1927
- Ludwig Binswanger 1881–1966
- Medard Boss 1903–1990
- Gion Condrau 1919–2006
Die Schlüsselwörter
1.1.: Die Begründer: Binswanger, Begründer auf dem Gebiet der deskriptiven Psychiatrie,
Boss, Begründer einer psychotherapeutischen Methode und Nachfolger Condrau, der Begründer der daseinsanalytischen psychotherapeutischen Schule
1.2.: Die Daseinsanalyse als Psychotherapie gründet in der Ontologie Martin Heideggers
1.3.: Das gestimmte Verstehen von Heideggers Sinn des Da-seins 1.4.: Die phänomenologische Anthropologie und Vorgehensweise (Husserl) 1.5.: Die hermeneutische Phänomenologie Heideggers in „Sein und Zeit“ 1.6.: Die Frage nach dem „Sein“ 1.7.: Grundbegriffe:
| Deutsch | Englisch | Französisch | Portugiesisch |
|---|---|---|---|
| Sein | Being | Être | Ser |
| Dasein | Being-There | Être le-là | Dasein (Ser-ai) |
| In-der-Welt-Sein | Being-in-the-world | Être-au-monde | Ser-no-mundo |
| Entwurf / Geworfenheit | Project/Thrownness | Projet / Déréliction | Projeto/ Ser-lançado |
| Sein-zum-Tode | Being-towards-death | Être-vers-la-mort | Ser-para-morte |
| Sorge | Care | Souci | Cuidado/cura |
| Zeit | Time | Temps | Tempo |
| Ereignis | Event | Evénement-appropriant | Acontecimento apropriativo |
| Gelassenheit | Detachment | Laisser-être / Sérénité | Serenidade |
| Lichtung | Clearing | Eclaircie | Clareira |
| Offenständigkeit | Openness | Apérité | Abertura |
| Entschossenheit | Resoluteness | Résolution | Resolução |
| Frei-Sein | Being-free | Être-libre | Ser-livre |
Geschichte und Grundzüge
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wagten mehrere Denker, ihre Befürchtung auszusprechen, die Macht der Naturwissenschaft werde jene Grunddimension der Psychotherapie überschatten und sogar erdrücken, die in der Frage „Wer ist der Mensch?“ gründet. Martin Heideggers Daseinsanalytik legte in Sein und Zeit (1927) das Fundament. Die Analytik des Da-seins (als das Da des Seins) hat die Aufgabe zu zeigen, dass die Welt nicht bloß die Gesamtheit aller einem Ich oder Subjekt gegenüberstehenden Gegenstände ist — eine vom cartesianischen Denken gesetzte und für die Naturwissenschaften grundlegende Vorstellung. Heidegger zeigte, dass die Welt ohne einen vorgängigen Weltbezug des Menschen nicht zugänglich ist. Das menschliche Da-sein ist jene anwesende Offenheit für die Welt, die immer schon auf sie bezogen und so in ihr gelegen ist, dass sie sich im Vollzug jeder Handlung auf sie bezieht. Daraus folgt, dass der Mensch leiblich anwesend und in seiner Welt gelegen ist. Heideggers Daseinsanalytik lebt im Denken und in der Praxis der Kliniker als Daseinsanalyse fort — dank dem Begründer der Daseinsanalyse, dem Psychiater Ludwig Binswanger (1881-1966), der mit der phänomenologischen Methode sorgfältig aufwies, wie die Ideologie der Naturwissenschaften und das auf ihr beruhende Denken hinter menschlichem Erleben und Verhalten zurückbleiben und das Eigentümliche des menschlichen Existierens verfehlen. Medard Boss, ein Schweizer Psychiater (1903-1990), der als erster Vertreter der Daseinsanalyse als therapeutischer Methode gelten kann, hat die Daseinsanalyse stets deutlich von der Daseinsanalytik (einem Teil von Heideggers Fundamentalontologie) unterschieden. Es ist immer wieder zu betonen: Die Daseinsanalyse ist keine unmittelbare Anwendung Heideggerscher Begriffe im Rahmen klinischer Tätigkeit. Die Daseinsanalyse sucht den Sinn der Existenz jedes einzelnen Menschen in seiner einmaligen persönlichen Erfahrung. Die therapeutische Reichweite der Daseinsanalyse gründet in einem Verstehen dessen, wie das Phänomen der menschlichen Existenz sich zeigt in ihrem Annehmen dessen, was ist, wie es ist. Solches Verstehen führt zu einer neuartigen klinischen Tätigkeit. Boss gab Heideggers Zollikoner Seminare heraus, die Studienabende für psychiatrische Ärzte und Medizinstudenten festhalten. Das Werk ist ein Meilenstein in der Geschichte und Entwicklung der Daseinsanalyse. Die Seminare gehen von der Ausgangsfrage aus: Was heißt existieren? Weitere erörterte Begriffe sind empirische Existenz, Wirklichkeit, Objektivität, Ausdehnung als Eigenschaft des Raumes, was es heißt, Raum einzunehmen, Wahrnehmung, der Begriff des Körpers, der Leib des Menschen und das Leibphänomen sowie die Freiheit. Gion Condrau (1919-2006) war 1971 Mitbegründer und Leiter des Daseinsanalytischen Instituts für Psychotherapie und Psychosomatik. Das Institut wurde später als Zürcher Daseinsanalytische Schule bekannt. Condrau war in Psychiatrie, Neurologie und Philosophie ausgebildet. Nach seiner Lehranalyse bei Medard Boss wurde er Daseinsanalytiker und besuchte von 1959 bis 1969 Martin Heideggers Zollikoner Seminare. In seinen zahlreichen Veröffentlichungen richtete Condrau sein Augenmerk auf die Umsetzung des Heideggerschen Denkens in die klinische und psychotherapeutische Arbeit und entwickelte eine daseinsanalytische Neurosen- und Psychosomatiklehre auf phänomenologischer Grundlage. 1990 gründeten Condrau und die Zürcher Gruppe die Internationale Föderation für Daseinsanalytische Psychotherapie (IFDA).
Alice Holzhey entwickelte einen neuen daseinsanalytischen Zugang zum seelischen Leiden, der ebenfalls auf Heideggers existenzialer Anthropologie in Sein und Zeit beruht, jedoch wichtige Einsichten Kierkegaards und Sartres aufnimmt. Diese Fassung der Daseinsanalyse stützt sich auf die Psychoanalyse, gibt aber den entscheidenden Entdeckungen Sigmund Freuds einen existenzialen Sinn. Sie nähert sich der Psychopathologie über eine existenziale Hermeneutik, die den Menschen als ein „Leiden am eigenen Sein“ erschließt. Auch die Traumdeutung wird hermeneutisch angegangen.
Theorie und Methode
Die Daseinsanalyse lässt sich als eine Form der Psychoanalyse verstehen, die phänomenologisch-hermeneutisch vorgeht und ontologisch-anthropologisch ausgerichtet ist. Sie geht über das wissenschaftliche Modell der Psychoanalyse hinaus, das auf Objektivierungen der menschlichen Existenz beschränkt bleibt. Ihre Grundhaltung verlangt äußerste Achtung vor den Phänomenen selbst (ein Phänomen verstanden als das, was sich an ihm selbst zeigt, als das, was sich uns offenbart). Geleitet von Edmund Husserls phänomenologischer Einsicht, dass alles, was „ist“, sich an ihm selbst und von ihm selbst her zeigt, richtet die Daseinsanalyse ihr Augenmerk auf die Phänomene als Grund des Sinnes im menschlichen Leben. Diese offenbaren sich im faktischen Vollzug des In-der-Welt-Seins eines Patienten, so wie es in den Blick kommt. Der tragende Grund und Kern daseinsanalytischer Therapie ist der andere Mensch (Da-sein) in seinem Verhältnis zum Therapeuten. Von allem Anfang an stehen Daseinsanalytiker und Daseinsanalysand in einem ursprünglichen mitmenschlichen Verhältnis, in dem jeder der beiden seinen Anteil beiträgt. Beide sind in ein Geschehen verwickelt, das die Entwicklung ihres wechselseitigen Verhältnisses bestimmt, den Daseinsanalysanden zur Eigenständigkeit führt und ihm seinen Ort in der Welt zeigt. Ausgangspunkt eines daseinsanalytischen Verstehens menschlichen Leidens ist die Existenz des Menschen. Existenz meint nicht bloß das Vorhandensein eines empfindenden Wesens (Objekts), sondern die eigentümliche Seinsweise des Menschen als weltbezogenes Da-sein. Stimmungen sind Weisen der Befindlichkeit, die unmittelbar ein Verhältnis zur Welt erschließen, oft dadurch, dass man sich vom eigentlichen Selbstsein abwendet. So zeigt sich etwa in der Angst (einer der Grundweisen der Befindlichkeit) die Möglichkeit, nicht mehr sein zu können, als Furcht vor dem Nichtsein (dem Nichts) und als Bangen um die eigene Existenz. Träume sind ein wichtiges Feld therapeutischer Erkundung in der Daseinsanalyse. Anders als die Psychoanalyse verlangt die Daseinsanalyse keine Umdeutung des Traumes durch Annahme eines ihm zugrunde liegenden Wunsches. Der Traum wird so genommen, wie er sich zeigt, als Teil des In-der-Welt-Seins. Daseinsanalytiker unterscheiden nicht zwischen manifestem Trauminhalt und sogenannten latenten Gedanken. In ihrer Methode versucht die Daseinsanalyse, jedem einzelnen menschlichen Da-sein zu entsprechen. Den Einsichten Heideggers folgend, sieht die Daseinsanalyse die Existenz des Menschen als einen Bereich der Offenheit des Da-seins für alles, was ihm begegnet. Die Daseinsanalyse versteht das Sein des menschlichen Da-seins in den mannigfachen Weisen seiner Anwesenheit als Offenheit für die Welt. Solche Anwesenheit umfasst die Offenheit für Abwesendes ebenso wie für Anwesendes, für das Vergangene wie für das Künftige, die zusammen die volle zeitliche Weite des Menschen ausmachen. In der Daseinsanalyse geht es darum, den Menschen von jeder Beeinträchtigung dieser Offenheit zu befreien, das heißt von der Beeinträchtigung seiner Wahrheit als Unverborgenheit des Seins. Das befreit zum Selbstsein im Mitsein und Füreinandersein.
Behandlung
Ihrem Grundverständnis des Menschen gemäß eignet sich die Daseinsanalyse zur Behandlung aller Formen seelischen und psychosomatischen Leidens, sofern der Patient motiviert, bereit und fähig ist, sich mit der eigenen Existenz und ihren Konflikten auseinanderzusetzen. Entwicklungsstörungen, die die volle Erfüllung der ihm möglichen Bezugsmöglichkeiten verhindert haben, zeigen sich in neurotischen, psychosomatischen und psychotischen Störungen. Dem Daseinsanalysanden fällt die Aufgabe zu, sich in den „Raum“ eines entstehenden Verhältnisses einzulassen, um im therapeutischen Verhältnis weiter zu reifen. Ziel daseinsanalytischer Therapie ist es, dass der Mensch auf bestmögliche Weise offen für seine Welt bleiben kann, sodass durch die Aufdeckung seines Da-seins und dessen Dynamik ein freies, selbstverantwortliches Existieren möglich wird. Grundanliegen sind sein Sein oder Nichtsein, Leben und Tod, aber auch das Selbstsein ebenso wie die Sorge um sich und andere, das offene Anwesendsein aus der Sicht des anderen (Mitsein) und die Offenheit für die Umwelt, also alles Nichtmenschliche, Belebte wie Unbelebte, dem er begegnet. Die daseinsanalytische Psychotherapie versteht seelisches und psychosomatisches Leiden als Weisen eingeschränkten und unfreien Existierens hinsichtlich der Umwelt und auch der Mitwelt. Für die Daseinsanalyse haben seelische Symptome Sinn, dessen Erhellung den Patienten zu sich selbst und zum Grund seines Leidens führt. Aufgabe des daseinsanalytischen Therapeuten ist es: • Einsicht zu gewinnen in die gelebten und leiblichen Weisen, die jedem Menschen gegebenen Seinsmöglichkeiten (Existenzialien) zu tragen, die für seine Existenz konstitutiv sind; und • dem sich entwickelnden Bezug zum Daseinsanalysanden in seiner Gelassenheit zu entsprechen.
In diesem Augenblick der Geschichte der Psychotherapie bietet der daseinsanalytische Zugang den großzügigsten Zugang zur menschlichen Existenz — einen, der sich nicht auf die naturwissenschaftliche Haltung beschränkt, die das Feld seit seinen Anfängen beherrscht.
Organisation
Die Daseinsanalyse wird in mehreren Ländern der Welt praktiziert. Jedes von ihnen hat eine nationale Vereinigung, welche die Ausbildung und die Supervision der Praktizierenden regelt. Eine internationale Föderation (IFDA), die dem Europäischen Verband für Psychotherapie angeschlossen ist, wacht über die nationalen Vereinigungen. Zweck der Föderation ist es, die Eigenart der Daseinsanalyse zu klären und zu wahren, die Gründung nationaler Vereinigungen zu fördern und ihnen wesentliche Richtlinien der Praxis zu geben, „Lehre und Forschung auf den Gebieten der daseinsanalytischen Phänomenologie, Anthropologie und daseinsanalytischen Therapie zu fördern, Seminare, Vorträge, Kurse und Tagungen zu veranstalten, wissenschaftliche Veröffentlichungen und Buchbesprechungen daseinsanalytischer Ausrichtung zu unterstützen und Verbindungen zu anderen Schulen der Psychotherapie und der Philosophie zu knüpfen.
Daseinsanalytische Psychotherapie
Von Gion Condrau
Von Prof. Dr. Gion Condrau
Die Daseinsanalyse verdankt ihre Entstehung und Entwicklung der geistigen Erneuerung im Gefolge der beiden Weltkriege. Im Bereich der Psychiatrie setzte in den zwanziger Jahren eine Bewegung ein, teils ausgelöst durch die Auseinandersetzungen um die Freudsche Psychoanalyse, teils durch ein wissenschaftliches Unbehagen gegenüber der überlieferten, systematisierenden klinischen Psychopathologie; sie suchte nach einem neuen Verständnis der Grundlagen menschlicher Existenz und ihrer Störungen. Vor allem die einseitige naturwissenschaftliche Ausrichtung von Psychiatrie und Psychotherapie war Gegenstand heftiger Kritik. Daraus ging die sogenannte „anthropologische“ Psychiatrie hervor, angestoßen von namhaften Forschern wie Ludwig Binswanger, Viktor von Weizsäcker, Viktor von Gebsattel, Eugène Minkowski, Erwin Straus, Rollo May, R. D. Laing und anderen.
Ludwig Binswanger (1881-1966) gilt als der eigentliche Anreger der daseinsanalytischen Psychiatrie. Anfangs jedoch nannte er, im Anschluss an seine eingehenden Studien der Phänomenologie Husserls, seine Forschungsrichtung „phänomenologische Anthropologie“. Ab 1941 zog er für seinen neuen wissenschaftlichen Zugang die Bezeichnung „Daseinsanalyse“ vor. Zu jener Zeit war Binswanger bereits entschieden vom Werk Martin Heideggers geprägt, besonders von dessen 1927 erschienenem Buch „Sein und Zeit“. Ludwig Binswangers Hauptwerk „Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins“ erschien 1942. Es folgte eine ganze Reihe von Veröffentlichungen über die Daseinsanalyse, über Sprache und Verhalten Schizophrener sowie Studien über Melancholie und Manie. Zu erwähnen ist, dass Binswanger auch von Sigmund Freud beeinflusst war, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband, obwohl er in den Hauptfragen der psychoanalytischen Theorie anderer Meinung war.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich in Zürich eine von Binswanger abweichende Schule der Daseinsanalyse. Ihr Hauptanliegen war die praktische Anwendung von Heideggers Phänomenologie auf die Neurosenlehre und die Psychotherapie. Medard Boss (1903-1990) war es gelungen, Heidegger persönlich für die Anliegen der Psychotherapeuten zu gewinnen und ihn am entsprechenden Ausbildungsprogramm zu beteiligen. Das führte zunächst zu einer Auseinandersetzung mit und Kritik an der Metapsychologie der Freudschen Psychoanalyse und der analytischen Psychologie C. G. Jungs. Während Boss in seinen ersten daseinsanalytischen Veröffentlichungen deutlich unter dem Einfluss Ludwig Binswangers stand, distanzierte er sich recht unvermittelt von diesem. 1957, nach einer Tagung in Madrid, veröffentlichte Boss eine entschiedene Kritik an Freud, Jung und Binswanger, die leider zum Bruch zwischen den beiden Wissenschaftlern führte. Binswanger fühlte sich sowohl von Boss als auch von Heidegger verraten und bezog sich von da an stärker auf Husserl, während Boss von Heidegger gefördert wurde, mit dem ihn eine persönliche und wissenschaftliche Freundschaft verband. Während Binswanger es offen ablehnte, seine „psychiatrische Daseinsanalyse“ zu institutionalisieren, und sich auf Grundlagenforschung (statt auf psychotherapeutische Werte) konzentrierte, gründete Medard Boss zusammen mit Gion Condrau 1970 die Schweizerische Gesellschaft für Daseinsanalyse und 1971 das Zürcher Institut für Daseinsanalytische Psychotherapie und Psychosomatik, später als Medard-Boss-Stiftung bekannt. Von 1959 bis 1968 besuchte Heidegger Boss in Zollikon, wo er die berühmten, weltweit bekannten „Zollikoner Seminare“ hielt. 1984 wurde in Zürich der Schweizerische Berufsverband für Daseinsanalyse gegründet.
Folglich gründet die Daseinsanalyse als Psychotherapie in der Ontologie Martin Heideggers und in seiner phänomenologischen Sicht der menschlichen Existenz als des Bereichs der Offenheit des Daseins für alles, was ihm begegnet. Das heißt, dass das menschliche Dasein grundsätzlich offen und frei ist, alles unverstellt wahrzunehmen, was sich von seinem Bedeutungsgehalt her von selbst erschließt. Darin unterscheidet sich die Phänomenologie vom dualistischen Weltbild der Naturwissenschaften, das letztlich auf der Philosophie René Descartes’ beruht, nach der zwischen dem menschlichen Geist und der messbaren Materie eine unüberbrückbare Kluft besteht.
Eine solche Sicht des Wesens des Menschen führt notwendig zu einer neuen Anthropologie, das heißt zu einer Wissenschaft, die sich von einer rein naturwissenschaftlichen Verkürzung löst, ebenso aber von metapsychologischen Spekulationen. Während die Biologie nur einen Teilaspekt der menschlichen Existenz erfassen kann, gibt die Metapsychologie der positivistischen Schule — daseinsanalytisch gesehen — den Boden der sichtbaren Wirklichkeit preis.
Das hat Folgen für die Therapie. In gewissem Sinn lässt sich die Daseinsanalyse als Weiterentwicklung der Psychoanalyse ansehen. Der äußere Rahmen ist mehr oder weniger unverändert geblieben. Wesentliche Unterschiede bestehen jedoch hinsichtlich der Deutung von Symptomen, Symbolen und Träumen. In diesen Bereichen geht die Daseinsanalyse phänomenologisch vor; sie kommt ohne kausal-genetische Deutungen aus und fragt stattdessen eindringlicher nach dem Sinn und Bedeutungsgehalt der beobachteten Phänomene. Das Anliegen der Daseinsanalyse ist das Sehen, nicht das Erklären. Bedeutung und Sinn dieses „Sehens“ treten in der Neurosenlehre und in der Lehre von den psychosomatischen Krankheiten zutage.
Es besteht kein Zweifel, dass Martin Heideggers Denken die psychotherapeutische Theorie und Praxis in einem Maß beeinflusst hat, das sich nicht übergehen lässt (siehe Gion Condrau: Martin Heidegger’s Impact on Psychotherapy, New York, Wien 1998). Die Zürcher Schule der Daseinsanalyse hat vielfach die Möglichkeiten erkundet, das Wort „Dasein“ in andere Sprachen zu übersetzen, besonders ins Französische und Englische. Wir kamen zu dem Schluss, dass „Dasein“ als solches durch jeden Übersetzungsversuch seinen eigentümlichen Sinn verliert. Wir entschieden uns daher, den Begriff „Daseinsanalyse“ beizubehalten, um sie von den sogenannten existenziellen, interpersonalen oder humanistischen Psychotherapien zu unterscheiden, da er einzig auf Martin Heideggers ontologische Analytik des Daseins verweist. Wenn wir von Theorie und Praxis sprechen, bewegen wir uns freilich auf wissenschaftlichem, nicht auf philosophischem Boden; doch wie Heidegger stets vertrat und auch zur Zeit seiner Zollikoner Seminare wiederholt aussprach, wurzelt jede Wissenschaft in philosophischen Grundsätzen. Das gilt für die Naturwissenschaften ebenso wie für jede andere wissenschaftliche Vorgehensweise, auch wenn diese Wurzeln nicht eigens anerkannt oder genannt werden. Die Daseinsanalyse versucht ihrer Gesamtsicht gemäß, den cartesianischen Dualismus von Subjekt und Objekt zu überwinden, damit auch den Dualismus von Psyche und Soma. Insofern sprechen wir nicht von psychogenen oder somatogenen Krankheiten, obwohl die Daseinsanalyse um der gegenseitigen Verständigung willen den Begriff „Psychosomatik“ noch beibehält. Der daseinsanalytische Zugang zum menschlichen Leiden ist ein phänomenologischer. Die Phänomenologie ist, wie Heidegger sie (anders als Edmund Husserl) bestimmt, keine Frage des Bewusstseins, sondern eine Frage des Einblicks: Sie enthält sich der Deutungen und lässt die Phänomene für sich selbst sprechen. Darin unterscheidet sie sich natürlich von psychoanalytischen oder Jungschen Theorien, obwohl sie einige praktische Empfehlungen, besonders von Freud, übernommen hat.
Moderne Wissenschaftler, Psychiater, Psychologen und Ärzte haben die wirkliche Bedeutung des Offenkundigen zumeist aus dem Blick verloren. Oft übersehen sie den Reichtum des unmittelbar Erfahrbaren und richten sich darauf, so rasch wie möglich zu einer mittelbaren, hintergründig-theoretischen Erklärung all dessen zu gelangen, was ihnen begegnet, und machen so ihren Untersuchungsgegenstand berechenbar und damit auch wiederholbar. Dem steht der phänomenologische oder existenzialanalytische Zugang gegenüber, der ein schlichtes Erfahren der wahrgenommenen Phänomene betont. Er verweilt bei der zu erkundenden Sache selbst und versucht stets, ihren Sinn ausdrücklicher zu fassen. Er ist damit in ausgezeichneter Weise „objektiv“ oder wirklich. Das Recht auf eine besondere Stellung im Feld der Psychiatrie, Psychologie, Psychotherapie und Psychosomatik ergibt sich daraus, dass all diese Wissenschaften es grundsätzlich mit dem Menschen zu tun haben. Weniger als alles andere lässt sich der Mensch in berechenbare Größen auflösen. Der Vorrang der existenzialanalytischen wissenschaftlichen Methode in diesen Bereichen gründet ferner im Wesen der neurotischen, psychosomatischen und psychotischen Weise des Krankseins. Dieses beruht seinem Wesen nach zunächst nicht auf zählbaren Größen, wie es der Fall wäre, wenn Naturwissenschaften sich seiner annähmen. Es lässt sich nur durch Einblick in die unberechenbaren Qualitäten der stets anderen, gestörten, entscheidenden und unfreien Bezüge des einzelnen Patienten zu den Möglichkeiten seiner Welt verstehen. Das schließt selbstverständlich nicht aus, sondern ein, dass sich mit den Methoden der Naturwissenschaft in der Existenz gesunder wie kranker Menschen Daten finden lassen, die nützlich und somatisch bedeutsam sein können. Doch findet man auf diesem Weg nie den spezifisch menschlichen Grund des Gesund- und Krankseins.
Es ist offenkundig nicht richtig — wie es gelegentlich geschieht —, die Existenzialanalyse als „Philosophie“ der Psychoanalyse als „Wissenschaft“ entgegenzustellen. Beide sind Wissenschaften vom Menschen, beide sozusagen „Anthropologien“; beide gehören zur Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie. Das gilt noch in einer Zeit, in der die engeren medizinischen Bedeutungen von „Krankheit“ und „Gesundheit“ durch die soziologische Sichtweise erweitert worden sind. Heute geben sich Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten nicht mehr damit zufrieden, bloß Theorien aufzustellen. Zunehmend fragen sie nach Sinn und Bedeutung dessen, was krank ist und geheilt werden soll. Um das Verhältnis von Leib und Seele zu klären und der Sackgasse der dualistischen Lebensbetrachtung zu entkommen, sind sie genötigt, Philosophen zu Rate zu ziehen, um die Existenz des Menschen besser wahrzunehmen. Jeder Versuch, den Menschen zu erklären und an ihm zu handeln, auch in den psychologischen und medizinischen Wissenschaften, beruht auf philosophischen und vorwissenschaftlichen Voraussetzungen.
Durch die Berücksichtigung dieser philosophischen Voraussetzungen wird die Güte der praktischen Arbeit des Psychiaters und des Psychotherapeuten begründet, denn ihre Arbeit ist gewiss von ihrer Weise geprägt, die Welt zu verstehen.
Lexikon
Die Begriffe, in denen sich diese Arbeit vollzieht, bleiben deutsch. Die Schule kam zu dem Schluss, dass sie die Übersetzung nicht überstehen.